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Nachdem wir das Quartier bei Herrn von Kleist verlassen hatten, erhielt die Escadron den Befehl einen Streifzug zur Beitreibung von Früchten und Riendvieh zu machen. Ich gehe näher auf diesen, man könnte fast sagen Raubzug, der etwa 3 Tage dauerte, ein, teils weil Ségur in seinem Werke über diesen Feldzug die Schuld lediglich auf die Bundestruppen und namentlich uns Württemberger wälzt, teils weil mir die Tatsachen noch lebhaft im Gedächtnisse sind und ein Bild davon geben wie es im Kriege überhaupt und bei dem Napoleon´schen Systeme, möglichst auf Freund- und Feindes Kosten zu leben, zuging. Die Ségur´sche Behauptung als ob wir auf unsere Faust den Raubzug unternommen hätten und Napoleon nichts davon gewußt habe, ist falsch insoweit, als der Befehl dazu von dem französischen Commandanten ausging, denn ich hatte diesen schriftlichen Befehl selbst in Händen, da mir ihn von P. [Escadronchef] zustellte, um mich damit bei meinen Requisitionen zu legitimieren. Daß Napoleon, nachdem Klagen des polnischen Adels hierüber ihm vorgetragen wurden, die Sache, wie dieses oft erlebt wird, gegen besseres Wissen desavouierte, beweist hiernach nichts gegen diesen Befehl, der möglicher Weise auch ohne sein Wissen von dem Corpscommando ergangen und dann verleugnet worden sein kann. So viel ist jedenfalls gewiß, daß es uns ohne den erhaltenen Befehl niemals in den Sinn gekommen wäre, den Leuten auf diese Weise einen Teil ihrer Habe zu nehmen und dieses um so weniger als uns die Ausführung des Befehls sehr zuwider und noch überdies sehr lästig war. Am ersten Tag mußte ich mit der Requisition beginnen, denn P. suchte für mich immer das Schlimmste heraus, obgleich ich im Lebens- und Dienstalter der jüngste Offizier war. Er schickte mich mit einem Detachement in einen Edelhof voraus. Der Edelmann erblaßte als ich ihm mein Begehren, nur einen Teil seiner Früchte (Korn und Haber) abzugeben, unter Vorzeigen des schriftlichen Befehls eröffnete. Er versuchte auszuweichen und beachtete meine Versicherung nicht, daß ich mit wenig zufrieden sein werde, in kurzer Zeit aber die ganze Escadron heranrücke und es sich dann frage, ob mein Escadronschef nicht alles nehme, was er finde. Er ließ, vielleicht weil er mir nicht glaubte oder traute, die kurze Frist verstreichen. Die Escadron kam an, ich machte v.P. Rapport und dieser ließ nun den größten Teil der Mannschaft absitzen, welche alles was irgend fortzubringen war von dem Fruchtboden nahm. Nun gingen dem Mann die Augen auf und er wendete sich jammernd an mich. Ich sagte ihm, daß nichts zu machen sei; sei ihm aber bange, daß er auch seine Fuhrwerke verliere, die man nämlich zum Transporte der Früchte gleichfalls und zwar sämtliche nahm, so könne ich ihm nur raten, sie nicht zu verlassen und auf gut Glück mit uns zu ziehen, was er dann auch tat. Von hier aus zog nachmittags die ganze Escadron weiter und kam gegen Abnd auf ein schönes Schloß, das den Reichtum seines Besitzers verriet, und welcher über unser Einrücken um so mehr betroffen war, als seine Frau wenige Tage zuvor in die Wochen gekommen war. Speiskammer und Fruchtboden wurden sofort in Augenschein genommen und bestimmt, was den anderen Morgen davon forttransportiert werden konnte, denn wir blieben hier über Nacht. Da man zu diesem Zweck wohl oder übel alles Zugvieh, daher außer Pferden auch Ochsen in Beschlag nehmen mußte, so traf dieses Los auch einen vierspännigen Zug sehr schöner Schecken,d ie man in dem Stalle des Edelmannes traf. Dieser bat inständig doch diese Pferde stehen zu lassen, weil sie nicht ihm, sondern seiner anderwärts wohnenden Schwägerin gehörten, welche zur Pflege ihrer Schwester auf Besuch gekommen war. Seine dringenden Vorstellungen fanden aber kein Gehör. Was ihn bestimmte, gerade mir sein besonderes Zutrauen zu schenken, weiß ich nicht, mir aber klagte er, als er mich allein sah, seine Not und bat mich um meine Fürsprache bei Oberstlt. v.P. und um meinen Rat. Ich sagte ihm nun, daß bei der entschiedenen ihm gewordenen Abweisung meine Fürsprache rein vergeblich sein würde und ich ihm nur raten könne diesen vierspännigen Zug nicht zu verlassen und daher mit uns zu ziehen, da ihm dieses nicht verwehrt werden könne. Vielleicht finde sich auf dem Marsche für ihn Gelegenheit vier andere Pferde herbeizuschaffen. Er folgte meinem Rat und zog, wie wohl mit schwerem Herzen, den anderen Morgen mit uns ab. Für die Verpflegung beider Gäste, die wir auf diese Art bei dem Transporte hatten, sorgte ich so gut ich konnte. An diesem zweiten Tag war Gottlob die Ausbeute gering. Als die Escadron rastete ließ ein Unterofficier der seitwärts abgeschickt worden war, um noch Früchte, besonders aber Pferde für das Fuhrwesen beizutreiben, melden, er befinde sich in höchster Gefahr von den Bauern tot geschlagen zu werden, da er nur drei Mann bei sich habe. Er bitte um schleunige Verstärkung. Da war es nun wieder ich, der jüngste Officier, der mit etwa 6 Mann zu Hilfe geschickt wurde. Als ich ankam, traf ich den Unterofficier in dem Hause eines Pächters, der aber abwesend war, bei dessen junger hübscher Frau. Unter Strömen von Tränen klagte diese mir, daß den Tag zuvor ein Officier dagewesen sei und ihnen bereits fast alles genommen habe. Sie zeigte mir seine ihnen ausgestellte Quittung (Bon), aus der ich ersah, daß dieses ein Detachement von den Königsjägern war. Während ihrer Klagen und in ihrer Entrüstung, daß dieses Rauben kein Ende nehmen wollte, steigerte sich die geängstigte Frau so, daß sie dem neben mir stehenden Unterofficier einen tüchtigen Streich ins Gesicht versetzte. Dieser hatte augenblicklich zur Erwiderung den Arm erhoben, ich hielt ihn aber davon mit den Worten ab: “Lassen Sie das, eine Frau schlägt man nicht. Sie sehen ja, daß sie nicht ohne gerechten Grund außer sich ist.” Die Frau bat ich zugleich sich zu mäßigen und versicherte sie, daß ich nur zum Schein etwas Weniges nehmen werde, was ich meines Commandanten wegen tun müßte. Es wurden nun auf ein kleines Wägelchen einige Simri Korn geladen udn so zog ich mit der Mannschaft ab. Die Bauern waren in dem nahen Walde, wohin sie ihre Pferde getrieben hatten und ließen sich nicht sehen und die geängstigte Frau war mit diesem Ausgange ihrer Not auch zufrieden, besonders da ich sie versichert hatte, daß dieses Rauben nur wider unseren Willen geschehe. Es waren nach und nach an die dreißig Wagen geworden zum Teil mit Ochsen bespannt und das Commando dieses Wagenzuges wurde mir übertragen; eine wahre - ich bitte um Nachsicht für dieses bezeichnende Wort - Schinderei. Alle Augenblicke kam die Meldung dieser oder jener Wagen könne nicht weiter kommen, so daß ich wie ein Schäferhund an der langen Wagenlinie auf- und abreiten mußte. Auf dem ersten Wagen mit den vier Schecken saßen meine zwei Edelleute natürlich nicht in der besten Laune. Der Befehl wurde mir auf den Weg mitgegeben, Vieh, daß ich unterwegs treffen sollte, mitzunehmen. Meine Mannschaft machte mich daher auf eine Herde Rindvieh aufmerksam, welche in der Nähe eines Dorfes weidete. Ich konnte daher dem Befehl, davon zu holen, nicht ausweichen, beschränkte ihn aber auf ein Stück. Man brachte mir eine Kuh. Als die Leute sahen, was geschah, liefen sie bestürzt herbei. Es zeigte sich, daß die Kuh, die einer meiner Leute an einem Campierseil führte, einer Frau gehörte die jammernd herbeilief und mich, meine Knie küssend, flehentlich bat, ihr ihre Kuh zu lassen. Nachdem ich einmal Besitz von derselben genommen hatte, getraute ich mir, die Bosheit des Herrn v.P. fürchtend, nicht, die Kuh wieder herzugeben, schenkte der Frau ein paar Taler, die ich in der Tasche hatte, und versicherte sie, daß ich ihr einen Bon dafür ausstellen werde. Sie wich mir nicht von der Seite und begleitete mich zu dem Edelmann in das Dorf. Denn zu diesem als dem Einzigen, der in dem Dorfe Papier und Tinte hatte, ging ich um der Frau einen Bon für 2 Stücke Vieh auszustellen, da ein Lieutenant von einer Fälschung keinen Begriff hatte und ich das zu ihrem Trost wohl tun zu können glaubte, wenn die Entschädigung aus dem Schatze des Kaisers bezahlt werde. Der Edelmann suchte den Fürsprecher für die arme Frau gleichfalls zu machen und ich entschuldigte zwar mein Verfahren durch die gegen mein eigenes Gefühl streitende Dienstpflicht, blieb aber auf meiner Weigerung die Kuh herauszugeben, weil ich meinen eigenen Leuten nicht traute, so ferne durch diese meine Nachgiebigkeit zu den Ohren v.P. käme. Der Edelmann begleitete mich daher ohne Erfolg vor sein Schloß, wo ich wieder zu Pferd stieg und mit der Kuh weiter marschierte. Aber die Frau ließ sich nicht abtreiben, lief immer weinend und bittend neben mir her, was mich auf den, ich muß selbst sagen, guten Gedanken brachte, endlich den Kopf zu drehen und meine Leute mit den Worten anzureden: “Soll ich der Frau ihre Kuh wieder geben?” “Jawohl, Herr Lieutenant!” war die einstimmige Antwort. Also, sie soll sie wieder haben. So kehrte die Frau mit ihrer Kuh am Stricke heim und hatte für ihren Kummer meine paar Taler und wenn sie wollte den Bon für zwei Stücke Rindvieh; ich aber war auf diese Art sicher, wegen meines Verfahrens nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, da es im Einverständnis mit meinen Leuten geschah und diese auch schwiegen, denn es verlautete davon nichts bei dem Oberstlieutenant. In sinkender Nacht kam ich mit meinem Transport, nachdem ich von Tagesanbruch an marschiert war, auf einem sehr großen und schönen Schlosse an, wo die Escadron das Nachtlager in der Nähe bezogen hatte und in welchem die Officiere logierten. Ich meldete dem Escadronchef mein Eintreffen und bemerkte aus dem Schlosse tretend, daß der Edelmann, der mich der vier Schecken wegen begleitet hatte, mit einigen polnischen Officieren im Schloßhofe sprach. Ohne Zweifel erzählte er diesen sein Mißgeschick. Ich sagte mir gleich diese können ihm zu vier anderen Pferden zum Vorspann für uns helfen, ging daher zu ihm hin und riet ihm sie darum zu ersuchen. Ehe eine halbe Stunde verging suchte er mich auf und teilte mir mit, daß schon vier andere Pferde im Hofe stünden. Ich meldete das ohne Verzug dem Oberstlt. v.P. unter dem Anfügen, der Edelmann lasse um Ausfolgung der vier Schecken bitten, was natürlich unter diesen Umständen nicht abgeschlagen werden konnte. Ich erhielt daher den Befehl sie ihm zu übergeben und unter Dankesbezeugung für meine guten Dienste zog der Edelmann noch in der Nacht mit den 4 Schecken ab, vielleicht weil der dem Landfrieden doch nicht ganz traute, da schöne Pferde für Reiterei ein höchst verführerischer Gegenstand sind. Da der Transport an das Regiment abgegeben wurde, so weiß ich nicht, ob der andere Edelmann seine Fuhrwerke wieder erhielt, denn den anderen Tag mußte mich Lieutenant Schlaich im Commando ablösen, ich konnte also nichts mehr für ihn tun, sagte aber Schlaich was ich ihm geraten hatte.
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