|
Die Reisefähigkeit benutzen, um der Schlacht auszuweichen, heißt defensiv operiren. Indem man aber der Schlacht fortwährend ausweicht, wirkt man nicht positiv auf die Vernichtung des Feindes hin, und Vernichtung des Feindes, welche den politischen Sieg zur Folge hat, soll doch die Absicht jeder der beiden kriegführenden Parteien sein. Das Heer, welches defensiv operirt, hat die nächste Veranlassung, sich zu erinnern, daß es nur Werkzeug des Staates ist. Aus diesem Verhältnis ergibt sich dann unmittelbar, daß es nur bedingt die Schlacht vermeiden könne und daß die defensive Operation eine Grenze haben muß.
Diese Grenze kann eine doppelte sein: der Halt oder die Umkehr in eine offensive Operation; eins von beiden liegt am Ende jeder defensiven Operation, wenigstens der Absicht nach. Die Umkehr in eine offensive Operation ist begründet, sobald das defensiv operirende Heer den Sieg hoffen darf, also ihn mit Recht suchen muß. Dies kann es, wenn es stärker wird, als der Feind. Der Halt findet seine Begründung entweder in derselben Ursache oder in der Besorgnis, daß mit weiterem Zurückweichen der Zweck der ferneren Kriegführung gänzlich vereitelt werde.
Hieraus folgt, daß einer defensiven Operation stets die Absicht zu Grunde liegen müsse, stärker zu werden, als der Feind, welches auf zweierlei Weise erreicht wird, entweder durch Zuwachs an eigener Kraft oder durch Schwächung der feindlichen Kraft; jene findet man durch Annäherung an seine Quellen, die Schwächung des Feindes führt man herbei durch Abziehen desselben von seinen Quellen. Diese Schwächung des Feindes wird aber um so schärfer hervortreten, je weniger man ihm durch das Ausweichen neue Quellen öffnet, je weniger man ihm also vom eigenen Lande preisgiebt.
Die zweite Absicht, welche dann im Hintergrunde jeder defensiven Operation steht, ist: die gewonnene Ueberlegenheit, worin sie immer bestehe, zu benutzen; die defensive Operation muß demnach darauf berechnet sein, daß sie entweder an einen zum Halten günstigen Ort führt, oder daß man aus ihr auf die jedesmal vortheilhafteste Weise in eine offensive Operation übergehen könnt.
Man unterscheidet drei Formen defensiver Operationen.
I. Der einfache excentrische Rückzug
a, b, c, d (siehe Abbildung 1) sind Subjecte der defensiven Armee. A, B, C Subjecte der offensiven Armee, welche von B auf b operirt. Die defensive Armee f weicht der Schlacht aus, indem sie auf a zurückgeht. In f kann sie in irgend einer Weise verstärkt Halt machen oder aus f1 in die Offensive übergehen; sobald die feindliche Armee in k angekommen ist, befindet sich f1 in Verfassung, in die offensive Form der einfachen strategischen Umgehung sich zu versetzen und alle Vortheile derselben auszubeuten. Bleibt f1 dort stehen, so sagt man, es sei in Stellung, und diese Form der Stellung ist die einfache Flankenstellung. Je entfernter f1 von Bb liegt, desto weiter kann die offensive Armee k gegen b vordringen ohne Besorgnis, ihre Verbindung mit B zu verlieren, sie wird also in der vortheilhaften Benutzung ihrer Reisefähigkeit desto mehr eingeschränkt, je näher f1 an Bb und ebenso je näher f1 an ABC liegt. Man kann also behaupten, daß eine einfache Flankenstellung um so wirksamer sei, je näher sie sich den feindlichen Operationslinien und je näher sie sich den Landesgränzen oder allgemeiner gesprochen, der Entwicklungslinie der feindlichen Subjecte befindet, abstrahirt natürlich von der Art der Stellung an sich.
 |
II. Der doppelte excentrische Rückzug
Unter denselben Voraussetzungen, welche eben gemacht wurden, kann sich die defensiv operirende Armee theilen und auf f1 und f2 (siehe Abbildung 1) zurückziehen. Am Ende der defensiven Operation liegen dann entweder die beiden einfachen Flankenstellungen f1 und f2 mit ihrem geistigen Einfluß auf den Feind oder es liegt an ihm die Umkehr in die offensive Form des strategischen Umfassens mit der Möglichkeit aller ihrer Vor- und Nachtheile. Die letzteren werden aber hier schon nach der Voraussetzung überwiegen; da die defensive Armee, schon im Ganzen schwächer als der Feind, es um so mehr in ihren einzelnen Theilen sein wird.
III. Der centrale Rückzug, Rückzug auf der inneren Linie
Operirt der Feind offensiv auf den beiden Linien AF und CF (siehe Abbildung 2), und weicht die defensive Armee auf der Linie Bb gegen b zurück, so entsteht der Rückzug auf der inneren Linie. Am Ende desselben liegt der Halt in der Centralstellung F oder die Umkehr in die offensive Form des strategischen Durchbrechens. Das System offensiver und defensiver Operationen, welche sich auf diese Weise aneinanderreihen, heißt das System der Operationen auf der inneren Linie. Keine defensive Form fordert in gleichem Maaße zur Umkehr in die Offensive auf, als diese; denn je näher A und C ihrem gemeinschaftlichen Object F kommen, desto mehr schwindet für f die Möglichkeit, ihnen überlegene Kräfte entgegenzusetzen, welche wenigstens in höherem Maaße vorhanden ist, so lange F hoffen darf, jeden der beiden Theile A und C einzeln anzutreffen. Da sowohl aus den oben entwickelten Gründen, als auch bei den großen Heeresmassen der neuern Zeit wegen der Verpflegung, die Offensive immer zu Theilungen veranlaßt und hinsichtlich der Zweckmäßigkeit derselben auch immer eine Reihe von Irrthümern unterworfen ist, so gewinnt dadurch der centrale Rückzug eine noch speciellere Bedeutung. Stets bietet er der Vertheidigung auch den Vortheil des Zusammenhaltens ihrer Kräfte.
Wie auch die Richtung des Rückzugs gewählt sei, immer gibt derselbe nach den bisherigen Annahmen Boden Preis, dessen der Feind sich bemächtigt, dessen Hilfsmittel er benutzt und der Benutzung des defensiven Heeres entzieht. Dies würde soweit überhaupt möglich nur vermieden werden können, wenn das defensive Heer sich zwischen zwei oder mehreren nicht sehr weit von einander entfernten Punkten a, b, c hin und her bewegen könnte, ohne die Schlacht, welche der Feind bietet, anzunehmen und doch mit der Aussicht, sich innerhalb des Raumes a b c zu stärken. Wäre nun ac (siehe Abbildung 3) ein ausgedehntes Terrainhindernis und a, c wären zwei Uebergangspunkte über dasselbe, im Besitze der defensiven Armee verschlossen, so hätte man bereits die angegebenen Bedingungen; die defensive Armee könnte sich stets durch einen Uebergang bei a oder c dem Angriffe entziehen, die Angriffsarmee aber, indem sie an irgend einem Zwischenpunkte d das Hindernis überschritte, würde zeitweise getheilt sein, d.h. der defensiven Armee zeitweise die Ueberlegenheit geben. Dies Verhältnis wird für die defensive Armee um so günstiger sein, je schneller das Hindernis von demjenigen zu überschreiten ist, welcher vorbereitete Uebergänge besitzt, je schwerer und langsamer dem andern, der sie nicht besitzt und je mehr die Uebergangspunkte zugleich fähig sind, eine Armee zu nähren. Von den beiden Hauptklassen der großen Terrainhindernisse entsprechen die Gewässer (Ströme) diesen Bedingungen in höherem Maaße, als die Gebirge; diese dehnen sich mehr in die Breite aus als jene, Uebergänge sind auch ohne Vorbereitung mehr in ihnen zu finden, als bei den Strömen, Stromthäler sind Nahrungsadern der Völker und die Uebergänge (Städte) die natürlichen Sammelpunkte der Nahrung. Deshalb eignen sich Ströme ganz besonders zur Erschaffung strategischer Stellungen, mögen dieselben nun Flanken- oder Centralstellungen sein; Stromsysteme, aus dem Zusammenfluß mehrerer Gewässer entstanden, erhöhen die Vortheile solcher Stellungen.
 |
Der Werth derselben für die Vertheidigung der Länder wächst in demselben Maße, als sie den feindlichen Gränzen und den feindlichen Operationslinien näher liegen.
Möge eine defensive Armee übrigens in eine derartige Stellung gelangt sein, auf welche Weise sie immer wolle, stets wird man sich doch denken können, daß sie durch irgend eine defensive Operationsform sich in dieselbe versetzt habe und die Stellung wird daher auch jedesmal als Haltpunkt in einer bestimmten Defensivoperation und als Umschlagspunkt aus der Defensive in eine bestimmte offensive Operationsform betrachtet werden können.
|
|