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Rüstow
Offensive Operat.

Durch die offensive Operation sucht ein Heer die Schlacht, folglich den Sieg in ihr und die günstigste Folge dieses Sieges, Vernichtung des feindlichen Heeres.

Die offensive Operation ist zweckmäßig angelegt und ausgeführt, wenn der Sieg errungen wird, wenn das feindliche geschlagene Heer verhindert wird, seine Reisefähigkeit auf eine ihm nützliche Weise zu benutzen; wozu aber immer noch eine weitere Bestimmung tritt, eine defensive, nämlich diejenige, daß die offensive Armee, im Falle sie geschlagen würde, ihre Reisefähigkeit allerdings benützen kann, um sich den Folgen der Niederlage zu entziehen.

Aus diesen Bestimmungen folgen sogleich die Regeln für die offensive Operation: sie solle überlegene Kraft in die Schlacht bringen, sie solle dem Feind den Rückzug auf die Quellen seiner Kraft, seine Subjecte verlegen, sie solle die Verbindung mit der eigenen Basis festhalten. Je sicherer das offensive Heer des Sieges in der Schlacht ist, desto mehr tritt die letzte Bestimmung in den Hintergrund.

Jede offensive Operation setzt ein bestimmtes Verhältnis voraus, in welchem sich der Feind befindet. Dies ist dem Gelingen der Operation um so günstiger, je schwächer der Feind, je weniger Subjecte er hat, auf welche er zurückweichen kann.

Ein dem Gelingen der Operation günstiges Verhältnis kann, insofern es nicht vorhanden ist, von der Offensive herbeigeführt werden und zwar namentlich durch Demonstrationen, durch welche man den Feind zu Entsendungen veranlaßt oder in eine Lage zu seinen Subjecten lockt, welche ihm ungünstig ist, durch die Richtung der Operationen selbst, indem diese ihm von seinen Subjecten trennt. Dieselben Mittel können benutzt werden, um den Feind in einer Lage festzuhalten, welche dem Gelingen der Operation günstig ist. Durch Demonstrationen ins Besondere täuscht man den Feind über die Absicht der offensiven Operation.

In der Täuschung ihn erhalten, kann man immer nur zeitweise; je kürzer die erforderte Zeit, desto mehr ist es möglich, die Täuschung zu erhalten. Je schneller also die Operation zum Ziel geführt wird, desto sicherer ist ihr Gelingen.

Vor den nachtheiligen Folgen, welche ein Irrthum bezüglich der Lage und der Thätigkeit des Feindes haben kann, bewahrt sich das offensive Heer durch Zusammenhalten seiner Kraft, - wodurch der Gebrauch der Demonstrationen eingeschränkt wird, die immer zur Theilung führen, - durch das Festhalten seiner Basis, - wodurch die Möglichkeit eingeschränkt wird, den Feind von beliebigen Subjecten abzuschneiden.

Verbergen der Absicht, Schnelligkeit der Ausführung, Kraft für die Entscheidung müssen für jede offensive Operation gefordert werden.

Das Object jeder offensiven Operation muß auf einer Verbindung des Feindes mit einem seiner Subjecte oder möglichst vieler derselben liegen. Je kürzer der Weg von dem eigenen Subject zum Object und dann von diesem zur Schlacht, desto besser ist es für die offensive Operation. Die Länge des Weges ist nicht räumlich zu verstehen, sondern von der Zeit, welche man zu seiner Vollendung nöthig hat.

Man unterscheidet drei Formen offensiver Operationen.

I. Die einfache strategische Umgehung

A, B, C, D (siehe Abbildung 1) sind mögliche Subjecte der offensiven Operation, a, b, c (siehe Abbildung 1) mögliche Subjecte des Feindes, d die wahrscheinliche oder wirkliche Stellung desselben. F wird zum Objecte der einfachen strategischen Umgehung gewählt. - Diese geht von D aus, erreicht F, wendet sich dann gegen den Rücken von d, schlägt dies und zwingt es, seinen Rückzug auf B oder einen andern Punkt, der gleich ungünstig ist, zu nehmen und sich von seinen Subjecten a, b, c zu entfernen. So ist die Absicht.

Erkennt der Feind die Absicht frühzeitig, so kann er sie vereiteln, indem er über F auf b zurückweicht, ehe D nach F gelangt ist, oder indem er auf a zurückweicht. -

Rüstow - Offensive Operationen Abbildung 1
Die Offensive kann der Vereitelung ihrer Pläne entgegenarbeiten. Des Feindes Stellung in d mit der Front gegen B verräth den Plan, b zu decken, und die Befürchtung eines Angriffs von B aus. Indem man diese Befüchtung durch eine Demonstration von B her zu erhalten sucht, schwächt man die Besorgnis um F. Je kürzer nun DF, desto sicherer ist man, seine Absicht zu erreichen; - je länger Fd im Verhältnis zu DF, desto weniger ist es wahrscheinlich, daß der Feind d dem Offensivheer D auf dem Punkte F, - der ein strategischer Schlüssel ist, - zuvorkomme, desto möglicher wird es aber, daß er nach a ausweiche. Die Bestimmung des Punktes F, des Objectes der Offensive, sit daher von großer Bedeutung. Letzter Zweck der offensiven Operation bleibt immer die Schlacht; auf dem kürzesten Wege findet man diese, wenn man in gerader Linie von D nach d geht, also Dd zur Operationslinie wählt. Man erlangt dann allerdings die höchste Wahrscheinlichkeit, die Schlacht zu erzielen, aber diejenige, sie unter den nachtheiligen Umständen für die fernere Benutzung der Reisefähigkeit des Feindes zu schlagen, vermindert sich. Beide Zwecke wird man vereinigen, wenn man mit einem Theile seiner Kraft den Weg Dd, mit dem anderen den Weg DF einschlägt und wenn man die Lage des Punktes F zu d so bestimmt, daß die beiden Theile der Kraft zur Schlacht vereinigt mitwirken können, während doch zugleich der Theil in F durch eine Fortsetzung seines Weges gegen G das Ausweichen von d auf a zu verhindern vermag. - Durch diese Theilung der Kräfte, welche eine stete Wiedervereinigung nicht ausschließt, sichert man zugleich das Festhalten der Basis und behält die Möglichkeit, seine Reisefähigkeit im Fall der Niederlage zum Ausweichen auf D zu benutzen.

Wie sich sogleich findet, ist es nicht gleichgültig, von welcher Seite her man die Offensive unternehme. Die Operation DF würde günstiger sein, als sie es ist, wenn das feindliche Subject a nicht vorhanden wäre, also die feindlichen Subjecte (b, c) sich gerade nach der Seite zu gruppirten, von welcher her der Angriff erfolgt. Die Operation DF ist aber in demselben Verhältnis vortheilhafter als AF, in welchem DF und Dd kürzer sind als AF und Ad, in welchem ferner der Punkt B, von welchem die Demonstration gegen die feindliche Front ausgehen soll, näher an D als an A liegt. In demselben Verhältnisse nämlich kann der Theil der Kraft, welcher zu dieser Demonstration verwendet wird, schwächer, also die Hauptkraft D stärker sein. Denn je näher er der Hauptkraft bleibt, desto weniger ist zu befürchten, daß er vereinzelt mit d zum Kampfe kommen werde. Nach diesen Rücksichten bestimmt man das Subject der strategischen Umgehung, soweit man überhaupt zwischen mehreren Subjecten die Wahl hat, und diejenige Flanke der feindlichen Aufstellung, in welcher das gewählte Subject sich befindet, nennt man die Flanke des strategischen Angriffs oder die strategische Flanke.

II. Die doppelte strategische Umgehung oder der concentrische Angriff

Die Offensive zerlegt ihre Kraft in zwei (oder mehrere) Haupttheile, A und D (siehe Abbildung 1), welche auf den beiden (oder mehreren) Linien AF und DF operiren. Für jede dieser beiden Operationen gilt das Gleiche, was eben von der einen DF oder AF gesagt worden ist. Aus der Theilung der Kraftsumme und der Verbindung der Theile zum gemeinsamen Streben nach einem Zweck ergeben sich aber sofort Abweichungen.

Jede der beiden Massen A und D trennt den Feind d von einer anderen Gruppe seiner Subjekte; die Fähigkeit auszuweichen, seine Reisefähigkeit in günstiger Weise zu benutzen, wird ihm also in erhöhtem Maaße beschränkt, wie es scheint. Ist D für sich und ebenso A für sich dem Feinde d taktisch überlegen, also sicher den Sieg in der Schlacht zu erringen, so wird der Schein Wahrheit, ist dies aber nicht mehr der Fall, so kann möglicher Weise d seine Reisefähigkeit offensiv benutzen, zuerst gegen D, dann gegen A vorgehen, eins nach dem anderen schlagen. Die Form des concentrischen Angriffs kann daher vortheilhaft sein, wenn die Offensive doppelt so stark oder um noch mehr stärker ist, als der Feind. In jedem anderen Falle wird ihr Gelingen problematisch; ihr Erfolg wird nun davon abhängig, daß sich die beiden Theile A und D mit einander vereinigen, ehe es zur Schlacht kommt. Dies aber wird desto unwahrscheinlicher, je weiter die Operationslinien auseinanderfallen, je verschiedener ihre Länge ist und je länger jede einzelne. Sobald für den Erfolg des concentrischen Angriffes vorherige Vereinigung der Krafttheile notwendig ist, wirkt dies störend auf die Schnelligkeit der Operationen; die langsamere beherrscht die andere und die Besorgnis, zu viel vorauszusetzen, führt dahin, daß man zu wenig fordert. Immer aber ist der Feind über die Absicht einer Operation um so weniger zu täuschen oder in der Täuschung zu erhalten, je langsamer dieselbe ist.

III. Das strategische Durchbrechen, der Centralstoß

Steht der Feind in d (siehe Abbildung 1) in concentrirter Stellung auf der Linie bB, Front gegen B und die Offensive schreitet mit vereinter Kraft auf der Operationslinie bB vor, so trennt sie durch diese Benutzung ihrer Reisefähigkeit den Feind von keinem seiner Subjekte a, b, c, hindert ihn an keiner Weise, seine Reisefähigkeit zu seinem Vortheile auszubeuten. Diese Form des Angriffes könnte also gar nicht zu den strategischen Formen gerechnet werden. Steht dagegen der Feind in der getheilten Aufstellung d e (siehe Abbildung 2), so wird jeder der Theile d und e in dem andern e oder d sein nächstes Subjekt sehen, weil jeder der Theile in dem andern eine Verstärkung seiner Kraft findet, der Punkt F (siehe Abbildung 2) wird also ein strategisches Objekt der Offensive, und schreitet nun dieselbe auf Bb vor, so entsteht die Form des strategischen Durchbrechens. Diese Form kann also nützlich sein, sobald die Entwicklung des Feindes der Art ist, daß kein Theil seiner Kraft mit dem andern in einer solchen Verbindung steht, welche die beliebige Vereinigung aller für die Schlacht möglich macht. Eine derartige Trennung der Theile des feindlichen Heeres d und e kann herbeigeführt werden, oder, wenn sie vorhanden ist, erhalten werden durch Demonstrationen von D und G her, auf Subjekte des Feindes c und a. - Die Form des strategischen Durchbrechens findet im Großen ihre Anwendung namentlich dann, wenn der Feind eine Verbindung von Staaten und also das feindliche Heer eine Verbindung der Heere dieser Staaten ist, die immer räumlich hinter oder nebeneinander zu denken sind, und nie die völlig gleichen Interessen, folglich auch nie die völlig gleichen Subjekte haben, weil immer dem einen Heertheil das eine, dem anderen das andere Subjekt das wichtigere scheinen wird.

Rüstow - Offensive Operationen Abbildung 2
Auf die drei erwähnten Formen der strategischen Offensive lassen sich alle übrigen reduciren oder sie erscheinen als Zusammensetzungen aus diesen Formen. Aus ihnen muß man wählen. Bei dieser Wahl aber hat man vorzugsweise zu beachten, daß der Sieg auf dem Schlachtfelde die Früchte der Operation erst pflücken läßt, daß jede Theilung der Kräfte, wenn man nicht die entschiedenste Ueberlegenheit hat, den Sieg in Frage stellt.