„Bonaparte in Egypt“ gehört zusammen mit “Mistress to an Age: Life of Madame De Stael”, “The Age of Napoléon“ und „The mind of Napoléon“ zu den Hauptwerken des Amerikaners J. Christopher Herold, der 1964 verstarb.
Das vorliegende Werk wurde 1962 erstmals veröffentlicht und soll einen umfassenden Überblick über die Ereignisse während der französischen Okkupation von Ägypten im Zeitraum von 1798 bis 1801 geben. Die neuerliche Auflage durch Pen&Sword Books Ltd weist nicht nur auf das stetig wachsende Interesse für die Napoleonische Epoche hin; sondern sie ist zugleich auch ein Indiz dafür, dass sich sein Inhalt immer noch auf dem aktuellen Stand der Forschung befindet.
Kapitelübersicht:
FOREWORD BY C.J. SUMMERVILLE
PREFACE
1 – TOULON
2 – TO ALEXANDRIA
3 – TO THE PYRAMIDES
4 – ABOUKIR BAY
5 – A POLICY OF PEACEFUL COEXISTENCE
6 – THE INSTITUTE AND EL AZHAR
7 – RELAXATION AND VEXATIONS OF A CONQUEROR
8 – TO THE CATARACTS
9 – THE BUTCHERS IN THE HOLY LAND
10 – `THE GOD OF WAR AND THE GOD OF LUCK´
11 - THE VANITIES OF DEATH
GLOSSARY OF ARABIC AND TURKISH TERMS
BIBLIOGRAPHY
NOTES
INDEX
Das Buch beinhaltet 17 S/W-Illustrationen und 4 Karten.
Zusammenfassung:
Mit seiner Kapitelfolge folgt das Buch chronologisch den Ereignissen der Expedition.
Es beginnt mit der Abreise der Expeditionsstreitkräfte aus Toulon 1798 und endet mit der Kapitulation Général Menous in Alexandria 1801.
Im 1. Kapitel werden nicht nur Zusammensetzung der Flotte, der Truppe sowie der Zivilisten beschrieben sondern auch die Hintergründe der Expedition. Besonders in den 70-er und 80-er Jahren des 18ten Jahrhunderts, so erfährt der Leser, wurde bereits ernsthaft die Eroberung Ägyptens diskutiert und geplant. Napoléon, Talleyrand und unter ihrem Einfluss das Direktorium nahmen somit eine alte Idee auf und machten diese zu der ihren.
Das strategische Gesamtkonzept sah die Invasion Ägyptens (als auch Irlands) als Vorbereitung für die geplante Invasion Englands vor. Laut Herold sollte Napoléon nach circa 6 Monaten - unter Zurücklassung der Armee unter dem Kommando eines von ihm zu ernennenden Unterkommandanten - zurückkommen und dann als Oberkommandierender den bis dahin verschobenen Angriff auf England durchführen.
Der Erfolg des Gesamtkonzept hing von folgenden Voraussetzungen ab:
I. – Beibehaltung des Friedens mit der türkischen Regierung
II. – Gleichzeitiger Angriff auf und Aufstand in Irland
III. – Regelmäßige Verstärkungssendungen durch das Direktorium
IV. - Gleichzeitiger Aufstand Tippo Sahibs in Indien
Als vorrangige Ziele der Eroberung Ägyptens wurden genannt:
- Wirtschaftspolitik / Verbesserung des Handels
- Kolonialpolitik / langfristiger Ersatz verlorener Kolonien in Westindien
- Bedrohung der englischen Kolonie in Indien
- Verbindung des Mittelmeeres mit dem Roten Meer durch Bau eines Kanals bei Suez
In Kapitel 2 schildert Herold vor allem die Abreise (19.05.1798), die Eroberung Maltas und die Weiterreise nach Ägypten. Ebenfalls beschrieben werden die Aktivitäten der britischen Admiralität und insbesondere Nelsons vergebliche Verfolgungsjagd.
Kapitel 3 handelt vornehmlich von der Landung und der Eroberung Alexandrias. Napoléon versuchte von Beginn an, mit Proklamationen die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Als größte Schwierigkeit stellte sich allerdings die Beibehaltung der Moral der eigenen Truppe dar, die sowohl den Örtlichkeiten als auch dem Klima unvorbereitet gegenüberstanden. Die Schlacht bei den Pyramiden und die Einnahme Kairos schienen jedoch die Expedition mit Erfolg zu krönen.
Das folgende Kapitel 4 ist der Seeschlacht in der Bucht von Aboukir („The Battle of the Nile“) gewidmet. Herold diskutiert detailliert die Verantwortlichkeit Napoléons für den Verbleib seines Admirals Brueys vor der Küste Ägyptens. Ebenso akribisch zeigt sich Herold anschließend bei der Aufzählung und Diskussion der Fehler des Admirals, die zum Verlust der eigentlichen Seeschlacht führten. Das Kapitel schließt mit dem Wegfall von zwei der oben genannten Prämissen für das Gelingen der französischen Gesamtstrategie:
- dem Scheitern der Invasion Irlands (3 Landungsversuche schlugen fehl) sowie mit
- der Kriegserklärung der Türkei an Frankreich (bedingt durch mangelnde Initiative Talleyrands und des Direktoriums).
In Kapitel 5 geht es vordringlich um die innen- und außenpolitischen Maßnahmen, die von Napoleon ergriffen wurden, um die Kolonie auch nach dem Verlust der Verbindung zum Mutterland zu erhalten und nach innen wie nach außen zu sichern. Wiederum war eins der Hauptprobleme des Oberbefehlshabers die Hebung der Moral sowohl der Truppe als auch der Einwohner.
Im 6. Kapitel wird ausführlich auf die Gründung des „Institut d'Égypte”, einer Unterabteilung des „Institut National des Sciences et Arts” (Institute de France), sowie dessen Organisation berichtet. Ihr wissenschaftliches Hauptwerk, die 10 bändige „Description de l'Égypte”, wird vom Autor entsprechend gewürdigt. Anschließend geht es um Napoléons Versuch, mit dem General-Diwan, der ersten repräsentativen Volksversammlung im Mittleren Osten, eine Art parlamentarischer Demokratie nach französischem Vorbild in Ägypten einzuführen. Der Versuch scheiterte laut Herold am konservativen Widerstand der Scheichs, die den Status Quo erhalten sehen wollten. Eine allgemeine Landreform wurde verschoben. Napoléons Versuch einer Annäherung an die religiösen Würdenträger durch Verhandlungen über die Konversion seiner Streitkräfte zum Islam entpuppte sich ebenfalls als eine Sackgasse. Das Kapitel endet mit dem 1. Aufstand in Kairo und seiner Niederschlagung.
Das Kapitel 7 beschäftigt sich zu Anfang mit Napoléons Liaison zu Pauline Fourès („Bellilotte“), den ersten Pestausbrüchen in den Hafenstädten und den Gedanken, die Truppen durch Einheimische und/oder aufzukaufenden Sklaven aufzufüllen. In der zweiten Hälfte des Kapitels beschäftigt sich Herold mit dem Wegfall der dritten Grundvoraussetzung für das Gelingen der französischen Gesamtstrategie: - dem Misslingen von Versuchen maritimer Unterstützung und der Aufgabe der Expedition durch das Direktoriums. Nachricht von letzterem sollte Napoléon aber erst in Syrien erhalten. Mit diesem Feldzug nach Syrien (Kapitel 9) wollte Napoléon einem Angriff durch die Türken zuvorkommen. Vor seiner Abreise nahm Napoléon erstmals Kontakt auf mit Tippo Sahib in Indien. Ob dieser die Botschaft je erhalten hat, ist nicht gesichert, denn er fiel bei der Verteidigung seiner Hauptstadt gegen die Engländer. Mit ihm fiel die vierte und letzte Grundvoraussetzung für den Erfolg der strategischen Planung des Direktoriums.
In Kapitel 8 wird das „Katz-und-Maus-Spiel“ von Murad Bey und Général Desaix beschrieben, das diese im Gebiet des oberen Nils betrieben. Desaix folgte dem Mamelucken den Nil stromaufwärts bis nach Assuan. Bei seinen Truppen befand sich der Künstler Vivant Denon, dessen Abenteuer auf der Suche nach zeichnenswerten Sehenswürdigkeiten einen Teil dieses Kapitels füllen.
Das 9. Kapitel handelt vom Napoléons Feldzug nach Syrien.
Es werden die verschiedenen Zwischenstationen (El-Arish, Jaffa) sowie die erfolglose Belagerung Akkons und der sich daran anschließende Rückzug geschildert. Herold diskutiert Streitfragen wie die Gefangenentötung in Jaffa, den Ausbruch und die Ausmaße der Pest unter den Truppen, die angebliche Tötung eigener Verwundeter durch Morphium auf Befehl Napoléons, etc... Während des Feldzuges erreichten Napoléon Instruktionen des Direktoriums, die ihm laut Herold freie Hand ließen, was seinen Verbleib in Ägypten, einen Weitermarsch nach Indien oder aber eine eventuelle Rückreise unter gesicherter Zurücklassung der Truppen anbelangte.
In Kapitel 10 erörtert Herold Napoléons Entschluss zur Rückkehr nach Frankreich insbesondere in Anbetracht des Zusammenbruchs der ursprünglichen Planung des Direktoriums. Die bis heute umstrittene Berechtigung zu diesem Schritt wird ausführlich diskutiert. Mit dem Landsieg von Aboukir sicherte Napoléon laut Herold die Kolonie für geraume Zeit. Napoléon übergab daraufhin unter dubiosen Umständen das Kommando an Général Kléber und verließ das Land. Er landete nach gewagter Seereise sicher in Frejus (09.10.1799).
Es folgt eine kurze Beschreibung der Ereignisse vom Staatsstreich in Paris im Brumaire 1799.
Intensiv setzt sich Herold daraufhin mit Général Klébers Kapitulationsverhandlungen mit Sidney Smith und der Konvention von El Arish auseinander. Die Konvention wurde von den Engländern nicht ratifiziert. Es folgte ein Sieg Général Klébers bei Heliopolis über die Türken und ein 2. erfolgloser Aufstand in Kairo.
Im letzen Kapitel 11 wird der Mord an Kléber sowie die Verurteilung und Hinrichtung seines Mörders thematisiert sowie Napoleons Bemühungen um Unterstützung der Kolonie durch Flottensendung (Von insgesamt vier Versuchen, eine Flotte mit Proviant und Truppen zu schicken, war nur einem mit ca. 1000 Mann Verstärkungen Erfolg beschieden.).
Nach der Landung der Engländer verlor der militärisch unglücklich agierende Menou die Schlacht bei Nikopolis. Kairo und Alexandria mussten nach kurzer Belagerung kapitulieren.
Stellungnahme:
J.C. Herolds besonderer Dank gilt im Vorwort La Jonquière, dessen Standardwerk „L’ Expédition en Egypte“ die Grundlage für das vorliegende Werk bildet und dessen Name dementsprechend in den Anmerkung sehr häufig zu finden ist. Darauf aufbauend verbindet J.C. Herold virtuos die Reisebeschreibungen und Augenzeugenberichte der damaligen Zeit sowohl französischen, als auch englischen und arabischen Ursprungs mit den Werken (Biographien, etc…) anderer namhafter Historiker neueren Datums. Sein Literaturverzeichnis umfasst 5 1/2 Seiten und beinhaltet sowohl Primär- als auch Sekundärquellen.
Dem Autor gelingt es, die Diskussion über Hintergründe und Zusammenhänge geschickt mit der Beschreibung der tatsächlichen Ereignisse zu verflechten. Militär, Soziales, Finanzen, Kunst, Kultur, Religion, Medizin, Forschung, etc…, sämtliche Bereiche werden zumindest gestreift, zum Teil aber auch bis in die Tiefe diskutiert. Darüber hinaus gibt es Exkurse über die Innen- wie Außenpolitik von Frankreich, England und der Türkei. Nichts scheint ausgelassen, eine ganzheitliche Sichtweise angestrebt und größtenteils auch erreicht worden zu sein.
Dieses Bestreben, hat jedoch zwangsläufig auch zu Abstrichen im Detail geführt.
Dem militär-historisch Interessierten wird es an umfangreicherem Kartenmaterial und genaueren Schlachtbeschreibungen mangeln.
Dem archäologisch Interessierten wird die Bedeutung zum Beispiel des Steins von Rosetta für die Forschung nicht angemessen detailliert beschrieben und bewertet erscheinen.
Dem Kunstinteressierten, der beeindruckt von den Strapazen liest, denen sich Vivant Denon aussetzen musste, um zeichnen zu können, wird es an Zeichnungen von eben diesem mangeln. Nur eine wird wiedergegeben. Die übrigen Abbildungen sind leider ohne Herkunftsangabe.
Dem selbstgesteckten Ziel „My intention was simply to tell one of the most exciting adventures of modern times as truthfully as possible.“ wird J.C. Herold größtenteils gerecht.
In der Regel lässt er bei historisch strittigen Themen alle Seiten zu Wort kommen;
beleuchtet die Themen aus verschiedenen Perspektiven.
Als Beispiele hierfür mögen die ausführlichen und ausgewogenen Erörterungen:
- über den Verlust der Flotte,
- über den 1. Aufstand in Kairo,
- über die Gefangentötung in Jaffa sowie
- über die Berechtigung zur Rückkehr Napoléons nach Frankreich
dienen.
Nicht umsonst aber bezeichnete Jean Tulard in seinem Werk „Napoléon oder Der Mythos des Retters“ J.C. Herolds Buch als „gegen Napoléon gerichtet“.
Insbesondere die letzten beiden Kapitel dürften dafür wohl den Ausschlag gegeben haben, denn dort wird der Sichtweise Napoléons - im Gegensatz zu vorherigen Kapiteln - nur noch ein geringer Raum gelassen. Dadurch scheint bisweilen leider auch der ansonsten deutlich sichtbare rote Faden der neutralen und zugleich ganzheitlichen Sicht verloren.
Bei der Streitfrage um der Berechtigung Klébers zu Friedensverhandlungen mit England (Konvention von El Arish), ergreift J.C. Herold ganz offen Partei für Général Kléber und gegen Napoléon: „It is the unequivocal opinion of this writer that Kléber was right.“ und verlässt damit den Weg des neutralen Berichterstatters. (Auffälligerweise ist dies das einzige Mal, dass sich J.C. Herold in seinem hier vorliegenden Buch zu solch einer persönlichen Stellungnahme hinreißen lässt.)
Wie in der Zusammenfassung bereits erwähnt, ist laut J.C. Herold keines der ursprünglichen strategischen Ziele des Direktoriums mit der Okkupation Ägyptens erreicht worden.
Ägypten wurde stattdessen zum Faustpfand für zukünftige Verhandlungen mit England;
ein Faustpfand, welches ein Kléber weggeben wollte und welches ein Menou weggeben musste. Napoléons Bemühungen zur Erhaltung dieses Faustpfandes werden von J.C. Herold nur teilweise und mit großer Skepsis erwähnt. Kaum oder gar keine Erwähnung finden die diplomatischen Bemühungen wie zum Beispiel die Verhandlungen in Bezug auf eine Verproviantierung Ägyptens, die nach dem Sieg von Marengo und vor dem Verlust Maltas mit den Engländern geführt wurden.
Darüber hinaus bezeichnet Herold den unter Menou fortgesetzten Widerstand als Hindernis und die letztendliche Kapitulation als Voraussetzung für den Friedensschluss. Der Verhandlungswert der Besetzung Ägyptens bei den Verhandlungen von London wird vollends negiert. Hier zeigt sich J.C. Herold in krassem Widerspruch zu anderen Historikern wie J.H. Rose oder A. Fournier.
Die Tatsache, dass die Nachricht vom endgültigen Verlust Ägyptens (Kapitulation Général Menous am 31.08.1801) erst nach Abschluss des Vorfriedens (Vorfriedens von London vom 01.10.1801) in London eintraf, findet keine Erwähnung.
Eine genauere Betrachtung der jeweiligen Friedensverträge zwischen Frankreich, England und der Türkei unterbleibt.
Wenig Verständnis oder Sympathie zeigt J.C. Herold auch für Général Menou.
Zwar nennt er ihn diesmal nicht direkt „einen unfähigen Narren“ wie in seinem Buch „The Age of Napoleon“, aber die Rollen sind trotzdem – und für den Leser erkennbar - klar verteilt.
Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn J.C. Herold die Desavouierung Général Klébers durch seinen Nachfolger anprangert; wenige Seiten zuvor jedoch selbiges (Anschwärzung Napoléons beim Direktorium sowie despektierlichen Kommentare und Karikaturen) Général Kléber mit einem Hinweis auf dessen humorvolle Art und seine Begabung für das Zeichnen durchgehen lässt.
Ebenso wirft J.C. Herold Général Menou vor, sich mit „yes-men“ umgeben zu haben.
Der Leser fragt sich hier, ob J.C. Herold denn nicht selbiges auch bei Kléber beobachten konnte, als dieser bei El Arish die Kapitulation abgenickt haben wollte und erklärte Gegner eines solchen Vertrages wie Général Desaix und Général Menou - immerhin Stellvertreter und Nachfolger - nicht zum Kriegsrat mit einberief.
Wie dem auch sei, schlussendlich ist zu bemerken, dass J.C. Herolds „Bonaparte in Egypt“ nicht nur als hervorragendes Nachschlagewerk geeignet ist; sondern es liest sich zum Teil auch - dank der begabten Feder des Verfassers - wie ein spannender Reise- und Abenteuerroman.
Dieser Feststellung können auch die beiden letzten Kapitel keinen Abbruch tun.
Vielmehr laden sie die Leser zur weiteren kritischen Studie der Geschehnisse und Zusammenhänge - insbesondere nach der Abreise Napoléons aus Ägypten - ein.