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Die Idee, freiwillige Jägerkompagnien den verschiedenen Regimentern zuzugesellen, ist an sich nicht übel. Ich dachte mir das Leben unter gebildeten, vom Guten ergriffenen, fröhlichen und anspruchslosen Jünglingen ganz herrlich und sprach darin nur Ihre Ansicht und Hoffnung aus. Doch wie es oft den lieben Ideen geht, sie sind dem Erdenleben fremd und nur in der inneren Welt einheimisch. Erstlich verstanden die Führer, die den Freiwilligen gegeben worden sind, es in der Regel nicht, sie zweckmäßig zu behandeln. So mancher wackre und tüchtige Hauptmann, der ein Donnerwetter nach dem andern an dem Horizont seines Eisenfressergesichtes aufblähen läßt und damit die armen Musketiere in den Grenzen des Anstandes hält, weil aus jenem Ungewitter doch ein Blitzschlag sie treffen könnte, ein solcher Hauptmann sieht sich plötzlich in ein ganz fremdes Gebiet versetzt, wenn er Freiwillige führen soll. Denn die lustigen, lebensfrohen Jünglinge fürchten sein Donnerwetter nicht, sondern sehen darin bloß ein fernes Wetterleuchten, das die Luft abkühlt, weil kein Schlag sie selbst treffen darf. Du lieber Gott! ein Offizier aus der alten Schule des alten Dessauer und darf und soll nicht schlagen, sondern belehren, ermuntern, vergeben und durch Strafwachen züchtigen! Wie stimmt das? Und weil es nicht stimmt, so macht so mancher gestrenge Herr durch Schimpfen seinem Herzen Luft und wird gemein, grob und unanständig. Weil er überdies unter seinem Volke (eine gewöhnliche Benennung der Freiwilligen) so manchen Bruder Studio wittert, ihm selber an Kenntnissen und Bildung weit überlegen, so ist er mißtrauisch und vornehm und sucht so viel Surrogate als möglich zusammen, um sich den sogenannten Respekt zu erhalten. Es ist komisch, ihn in diesem fremdartigen Schmucke einherwandeln zu sehen. Gäbe er sich noch, wie er wäre, so ließe man sich sein Wesen wohl gefallen, denn der Krieg selbst ist ja der gröbste Geselle, den man denken kann; will er aber unglücklicherweise mehr sein als er ist, nimmt er es sich heraus, die Wissenschaft zu richten, wird er ungerecht gegen ganze Stände, läßt er einen an seinem verschimmelten Adelsdiplom riechen, hält er es bei seiner inneren Leerheit für eine Strafe, Freiwillige zu führen, sehnt er sich nach dem Gamaschendienst zurück, der ihm den süßen Hebel, den Stock, zu führen erlaubte, sieht man’s mit trübem Blicke, daß kein Funken von Begeisterung in ihm lebt, keine Liebe, kein Glaube, sondern daß er das traurige Götzenbild, die Ehre, bloß anbetet und diesen heiligen Krieg für eine Ehrensache hält, um höchstens den Schimpf bei Jena auszulöschen: dann, lieber Freund, hat die Geduld ein Ende, und der gemißhandelte Wurm krümmt sich gegen eine Behandlung, die ihn empört, weil er sie nicht nur nicht verdient, sondern weil sie auch den Beleidiger selbst aufs tiefste entehrt und besudelt. Zweitens aber können Sie sich auch keinen gemischteren Haufen denken als ein freiwilliges Jägerdetachement. Naseweise, altkluge Knaben, aus Tertia der Rute des Rektors zu früh entlaufen; Lehrjungen, die der Frau Meisterin die Kinder warten mußten und voll von gemeinen Späßen sitzen; vornehme Handlungsdiener, mit einem Solitär am Finger und einer Brille auf der Nase, mit der sie kühn und unerschrocken und wie blind auf den Feind losgehen; Kandidaten der Theologie, so wie ich zum Beispiel, solide, stille Leute; renommierende Burschen aus Halle sie stehen Mann an Mann und sehen aus, als wären sie aus einem Guß geformt. Wohl eine schwere Aufgabe für den Führer derselben. Aber nur deswegen, weil so manches räudige Schaf unter dieser Herde ist, so mancher Vagabund, der in einem Jägerdetachement ein willkommenes Asyl erblickte und fand, das ihn noch eine Zeitlang vor dem Zuchthaus retten soll, so mancher an der Lustseuche kränkelnde Sünder, der ein ruchloses Leben durch die Kugelbüchse heiligen will und mit frechem Obermut Geschichten zu erzählen weiß, die einen an dem göttlichen Ebenbilde im Menschen irremachen: ebendarum war es und ist es Pflicht, gerade die besten, weisesten, an Erfahrung reichsten Offiziere zu Führern von so gemischten Haufen zu wählen, nicht aber den ersten besten, der zwanzig Jahre lang Rekruten zu Helden umgeschaffen zu haben sich rühmen kann. Man wollte dem übei dadurch abhelfen, daß man den Freiwilligen erlaubte, sich ihre Offiziere aus ihrer Mitte zu wählen. Ebenfalls eine gute Idee, doch wie ist sie verwirklicht worden! Wer sich der Menge angenehm zu machen wußte, sei es durch eine unversiegbare Quelle des Witzes, durch unernlüdliebe Dienstfertigkeit und Freigebigkeit oder durch eine gewisse Herablassung, wo man Hochmut oder Vornehmtuerei fürchtete, ein solcher wurde in der Regel zum Offizier gewählt, weil man sich in seinem Zuge ein herrliches Leben versprach. Doch der witzige, humane, freigebige, höchst liebenswürdige junge Mann, der jedem Kameraden die Brüderschaft angeboten, wurde plötzlich vornehm, kalt, stolz, grob, schämte sich seiner Brüder und bat sich's aus, ihn nur unter vier Augen mit dem vertraulichen “Du” zu begrüßen, weil ein öffentliches Duzen leicht Anstoß erregen könnte. Kurz, der gute Mensch konnte sich mit seiner Silbertresse nicht in sein Glück finden. Wie ein welscher Hahn einsam und stolz unter dem Plebejervolk, den Hühnern, einhergeht, so wandelte ein solcher homo novus, der früher den weisen Cicero in der Schule gemißhandelt oder Prachtbriefe geschrieben hatte, unter den Plebejern umher, und mit dem feineren Rock und dem gewaltigen Säbel verschwand die alte Liebe, die eigentlich bloß im Tornister gesessen hatte. Glauben Sie nicht, bester Freund, der Ärger und der blasse Neid spreche aus diesem Gemälde. Als ich zum Regiment kam, waren die Offiziere längst schon alle gewählt worden, und überdies hasse ich alles Heucheln und Speichellecken und will lieber gemeiner Jäger bis zum Frieden oder Grabe bleiben, ehe ich mich durch die Tresse um die Liebe meiner Kameraden bringe, die erbittert über ihre eigenen Wahlen sind. Ich hielt endlich das Benehmen unseres Hauptmanns nicht länger aus. Unerträglich war mir’s unter die Kanaillen zu gehören, womit er uns oft anzureden beliebte. Empörend war es, ihn stets auf die Herren Studenten schimpfen zu hören, die er wegen Mangel an Stiefelwichsern und Bedienten herzlich bedauerte. Ganz gegen das Völkerrecht erschienen mir sein beißender Spott, sein finstres Gesicht, seine Launen, sein zuzeiten zierliches Mienenspiel. Doch wie ich mich darüber auch gegen ihn erklärte, so richtete ich doch weiter nichts damit aus, als daß er von der Zeit an mich vorzüglich ins Auge faßte, kleine Fehler und Nachlässigkeiten in dem mir noch nicht ganz kundigen Dienst hart bestrafte und mich überhaupt sein ganzes Übergewicht fühlen ließ. Ich ertrug alles geduldig und standhaft und gewann dadurch an Weisheit und Erfahrung. Doch nahm ich mir fest vor, bei der ersten bequemen Gelegenheit mein Regiment aufzusuchen und mit ihm, wie ich hoffte, ein günstigeres Los zu treffen. Allein, weil das für die erste Zeit rein unmöglich war, so schloß ich mich für den Augenblick an das Detachement eines Regiments an, das Befehl erhalten hatte, nach Berlin zu marschieren, um die Armee des Generals von Bülow zu verstärken. Hier hoffte ich bestimmt mein Regiment zu finden ... Ich bereue es nicht, mein Regiment aufgesucht zu haben. Unser Hauptmann ist ein lebenslustiger Mann und tüchtiger Soldat, der seine Jäger recht gut zu lenken versteht und das bewegliche Leben derselben teils zu würdigen, teils unschädlich zu machen weiß und der deswegen wohl bei manchen ihrer Unarten ein Auge zudrückt. Dagegen habe ich an dem Oberstleutnant, den ich für den gebildetsten und humansten Mann hielt, einen stolzen und eingebildeten Führer erhalten. Er erkannte mich auf der Parade - es war noch in Berlin -, winkte mir sehr gnädig und verlangte mich gleich nach Beendigung derselben zu sprechen. Ich fliege zu ihm, klopfe an, und auf ein donnerndes “Herein!” öffne ich die Tür und nehme meinen Tschako ab. Da hatte ich denn zwei grobe Fehler begangen, wie ich sogleich erfuhr und schon längst hätte wissen können, wenn es möglich wäre, das sogen. Zopfsystem im Gedächtnis zu behalten. “Warum klopfen Sie denn an und nehmen den Deckel ab?”, brummte er mir entgegen. “Weil ich es für ein Zeichen der Höflichkeit halte,” stotterte ich und sah mich nach einem ehrenvollen Rückzug um, weil ich in der Tat den Anblick dieses Helden kaum ertragen konnte. “Ei was, was geht den Soldaten die Höflichkeit an,” donnerte er abermals; “der Soldat muß grob sein.” Dies hörend stülpte ich flugs den Tschako auf, nahm eine kriegerische Stellung an, legte die Hände an die Hüften und schritt kühn auf ihn zu, mit den Worten: “Was befehlen der Herr Oberstleutnant?” Ein Lächeln zuckte an der bärtigen Lippe. Er fragte darauf, wo ich gesteckt hätte, ob ich Geld wollte und brauchte, und forderte mich auf, den “Bibelhusaren” auszutreiben, so wie Simson einst mit einem Eselskinnbacken tausend Philister erschlagen habe. Ich stand während der Zeit wie ein Stock, und als er mich entließ, stampfte ich mit den Hufeisen den Boden, drehte mich um und ging, ohne ein Wort zu sagen, zur Tür hinaus, eingedenk seiner Bemerkung, der Soldat müsse grob sein. “So ist’s recht, so wird es nach und nach schon gehen” schrie er mir nach und schien mit meinem plötzlich gewonnenen Anstande sehr zufrieden zu sein. Jetzt lache ich über diesen an sich sehr unbedeutenden Auftritt, doch ist es schmerzlich zu sehen, wie ein Regimentsführer an solchen Kleinigkeiten hängt, als säße der Soldat im Grobian und als könne nicht ein Mensch, der an die Türe klopft, um seine Höflichkeit zu beweisen, zur andern Zeit so grob sein, einen Franzosen totzuschießen.
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