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Preu├č. Husaren 1812
Abschnitt III

Den 7. September des Morgens um 8 Uhr begann die Schlacht bei Borodino; es war sehr sch├Ânes Wetter, man konnte das ganze Schlachtfeld ├╝bersehen. Die franz├Âsischen Garde-Regimenter waren s├Ąmmtlich im Paradeanzug, mit rothen Federb├╝schen geschm├╝ckt und standen als Reserve bei Waluewo in Kolonne. Unser Regiment ging rechts der gro├čen Stra├če ├╝ber die Kalotscha gegen Schewardino vor. Mehrere Kavallerieangriffe wurden zur├╝ckgeschlagen, und namentlich waren wir eine feindliche K├╝rassier-Kolonne, die sich eben einer unserer Batterien bem├Ąchtigen wollte. Sp├Ąterhin hatten wir viel durch Artillerie- und Infanteriefeuer zu leiden und verloren an diesem Tage den Lieutenant Meyer, der durch eine Kanonenkugel den Schenkel verlor, sich bald verblutete und starb, 10 Mann und 35 Pferde an Todten und zwei Offiziere, den Rittmeister von Knobloch und Lieutenant Stiemer, so wie 22 Mann 26 Pferde an Blessirten.

Die gro├če russische Schanze, welche auf der Stra├če dicht neben der Kalotscha auf einer dominirenden H├Âhe mit 30 bis 40 Feuerschl├╝nden besetzt war, und fast den Mittelpunkt der russischen Stellung bildete, glich einem feuerspeienden Berge; ganz in Pulverdampf geh├╝llt, sah man nur fortw├Ąhrend die Blitze der abgefeuerten Kanonen, die in den Gliedern der franz├Âsischen Truppen eine furchtbare Verheerung anrichteten. ÔÇô Nur auf ihrem rechten Fl├╝gel drangen die Franzosen vor; erst am Nachmittage ward diese gro├če Schanze nebst mehreren genommen. Der Verlust an Menschen in dieser Schlacht war auf franz├Âsischer Seite sehr bedeutend; wir fanden beim Vorgehen an einigen Schanzen ganze Bataillone noch in Gliedern neben einander todt liegen. Der General Graf Nansouty war schwer blessirt, in dessen Stelle kommandirte nun der General St. Germain, welcher fr├╝her eine K├╝rassier-Division in unserem Kavalleriekorps gef├╝hrt hatte.

Am folgenden Morgen nach der Schlacht wurde unser Regiment in zwei Eskadrons getheilt, da wir bereits so zusammengeschmolzen waren, da├č die acht Z├╝ge nur zw├Âlf Rotten stark blieben. Die beiden polnischen Ulanen-Regimenter, in Verh├Ąltnis ihrer fr├╝heren St├Ąrke noch schw├Ącher als wir, formirten aus jedem ihrer Regimenter auch nur zwei Eskadrons, die Z├╝ge aber nur zu neun Rotten.

Wir brachen aus unserem Bivouak bei Somenofskoe auf dem Schlachtfelde am 8. September fr├╝h auf, marschirten auf der Stra├če nach Moshaisk vor; doch kaum hatten wir einen kleinen Wald passirt, als uns auch schon wieder Kosaken umschw├Ąrmten und am weitern Vordringen verhindern wollten. Unser Regiment hatte einen Angriff auf die Kosaken gemacht und ging nun in seine fr├╝here Stellung wieder zur├╝ck. Bei dieser Gelegenheit benutzten die Kosaken diesen f├╝r sie g├╝nstigen Moment, uns zu verfolgen, einige kamen dicht an uns heran; der Lieut. v. Tornow zog sein Pistol und schlug dasselbe auf die n├Ąchsten Kosaken an, ohne zu feuern; so wie sie die M├╝ndung des Pistols auf sich gerichtet sahen, stutzten sie und wagten nicht, n├Ąher zu kommen. Wie ich glaube, war das Pistol des Lieut. v. Tornow gar nicht geladen. Den Bivouak bezogen wir nahe vor Moshaisk.

Auch unsere Offiziere hatten sich w├Ąhrend dieses Feldzuges die schon fr├╝her erw├Ąhnten kleinen Bauerwagen, mit sogenannten Conjas (Bauerpferdchen) bespannt, zur Fortschaffung der vorr├Ąthigen Lebensmittel und einiger Fourage, zu verschaffen gewusst, die sich an die Regiments-Bagage anschlossen und hinter uns, in der Entfernung einer Meile, folgten; es verging immer einige Zeit, bevor sich diese Wagen bei uns einfanden, wenn wir unsern Bivouak bezogen hatten; daher war nothwendig, da├č immer zwei Offiziere zusammen Menage machten; jeder hatte nur einen Burschen bei sich, um die ersten Einrichtungen im Bivouak zu besorgen. W├Ąhrend nun der eine die Pferde hielt, mu├čte der andere Pf├Ąhle zum Anbinden derselben und Holz zum Feueranmachen herbeischaffen; sobald dies besorgt war, mu├čten sie nach Wasser geschickt und die Pferde getr├Ąnkt werden; waren nun unsere kleinen Wagen angekommen, wurde gekocht und nach eingenommenem frugalen Mahle auf eine ausgebreitete Decke niedergelegt und bis zum Anbruch des folgenden Tages geschlafen, wo uns dann die Trompeten nach Verlauf einiger Zeit den Abmarsch verk├╝ndigten. Den Feind fanden wir immer dicht vor uns, das Flankiren begann und wurde gew├Âhnlich beim Vorr├╝cken bis zum Abend fortgesetzt. So ging es fast t├Ąglich, und wir gew├Âhnten uns an diese Art zu leben, fast immer zu Pferde zu seyn, so da├č, wenn wir zuf├Ąllig einen Ruhetag bekamen, es einem Jeden sehr auffiel. Doch mehrere unserer Offiziere und viele Leute und Pferde ermatteten, mu├čten dann einige Tage zur Bagage zur├╝ckgehen, und sobald sie sich etwas erholt hatten, kamen sie wieder zu uns.

Am 9. September gingen wir durch Moshaisk; der gro├če Kirchthurm hatte in einiger Entfernung ein ganz eigenth├╝mliches Ansehen, das wir uns Anfangs nicht erkl├Ąren konnten, doch bei n├Ąherer Besichtigung fand es sich, da├č derselbe mit einem gro├čen Bauger├╝st umgeben war und man im Begriff gewesen, einige Reparaturen daran vorzunehmen. ÔÇô Auch diese Stadt war von den Einwohnern verlassen, eine unz├Ąhlige Menge russischer Blessirten befand sich hier. Den 10. September litten wir durch eine starke Kanonade einigen Verlust, wobei der Lieutenant v. Lemcke leicht blessirt, 4 Pferde todt und 2 Mann 4 Pferde blessirt wurden.

Auf der Stra├če nach Moskau immer weiter vordringend, z├Ąhlten wir nun schon an den Pf├Ąhlen, worauf die Werste bezeichnet waren, die Entfernung bis Moskau; dort hofften wir Ruhe und Erholung von allen Strapazen zu finden. ÔÇô Ganz unerwartet bekamen wir am 11. September einen Ruhetag. ÔÇô Am 12. und 13. September fanden wieder kleine Gefechte statt, wobei der Lieut. von Meyrink durch ein St├╝ck einer Granate an der Hand leicht blessirt ward. Unser Regiment war am ersten dieser Tage in einer Vertiefung aufgestellt, wo unsere Kanonen dicht hinter uns, auf der H├Âhe aufgefahren, ├╝ber uns fortschossen; bei aller Ermattung wurden unsere Pferde hierbei unruhig, allein die Ersch├╝tterung und der Druck der Luft der ├╝ber uns hinfliegenden Kugeln waren auch sehr stark. Bald darauf, als wir weiter vorgegangen waren, hatte der Feind eine Stellung an der Lisiere einer jungen Fichtenschonung aufgenommen, die, mit einem kleinen Graben und Aufwurf umgeben, seine dahinter aufgestellte Artillerie ziemlich deckte. Auf einer Plaine mu├čten wir heranr├╝cken und verloren durch dies Artilleriefeuer viel Leute und Pferde; da eilte eine franz├Âsische reitende Batterie vor: schon w├Ąhrend des Vorgehens st├╝rzten mehrere Pferde derselben, von Kanonenkugeln getroffen, dennoch marschirte sie im heftigsten Feuer auf, protzte ab und w├Ąhrend alle Augenblicke Pferde und Leute fielen und durch andere sogleich ersetzt wurden, begann sie ihr Feuer mit einer Ruhe und Sicherheit, da├č die feindliche Batterie bald zum Schweigen gebracht wurde. Dies Beispiel einer fast unglaublichen Bravour sah ich mit eigenen Augen dicht neben uns. Unser Bivouakplatz am 13. September Abends war noch ungef├Ąhr 21 Werst von Moskau entfernt; nur in einer ziemlichen Entfernung fanden wir Korngarben f├╝r die Pferde. Mit vieler Gewissheit erwartete man vor den Mauern Moskaus eine Schlacht, da durch Ueberl├Ąufer und Gefangene erz├Ąhlt ward, da├č Moskau auf der Westseite mit Schanzen umgeben sey, die mit vielen Kanonen besetzt w├Ąren; wie gro├č war daher unser Erstaunen, als wir am 14. Septbr. des Morgens aufbrachen und auch keinen Mann feindlicher Truppen gegen uns fanden. Zwei Meilen waren wir mit vieler Vorsicht Moskau n├Ąher ger├╝ckt, als wir die vor uns liegenden H├Âhen durch Schanzen befestigt sahen und jeden Augenblick einen t├╝chtigen Kugelregen erwarteten; allein Alles blieb ruhig und bei n├Ąherer Besichtigung dieser kleinen Schanzen fand man noch gr├╝nes Reis von Fichten und frisches Laub von Birkenholz, welches nur den Tag zuvor eingeflochten seyn konnte, an den Schanzk├Ârben und vor denselben umhergestreut. Man mu├čte also erst sehr sp├Ąt die Idee, Moskau zu vertheidigen, aufgegeben haben. ÔÇô Gegen 10 Uhr des Morgens gelangten wir auf der H├Âhe des Gru├čberges vor Moskau an; auf diesem Punkt kann man einen gro├čen Theil der Stadt ├╝bersehen. Ein bezaubernder Anblick bot sich uns dar: Hunderte von Th├╝rmen mit vergoldeten Spitzen und Kn├Âpfen, hellgr├╝nen Kuppeln, gro├čen Kirchen und Pal├Ąsten mit sch├Ânen G├Ąrten umgeben, lagen vor uns; Jeder blickte mit Sehnsucht hinab, und glaubte nun das Ende seiner Leiden erreicht zu haben und gl├╝ckliche Tage zu verleben. Ueber eine Stunde verweilten wir hier, da kam Napoleon, sa├č vom Pferde und erwartete eine Deputation aus der Stadt, doch diese lie├č lange auf sich warten; endlich hie├č es, sie sey im Anzuge; doch bevor dieselbe eintraf, marschirten wir ab, lie├čen Moskau rechts, durchritten die Moskwa bei einer Furth und bezogen einen Bivouak auf freiem Felde. Sehr auffallend war es uns, gar keinen Einwohner aus der Stadt zu uns herauskommen zu sehen; denn noch hatten wir keine Ahnung, da├č Moskau von denselben verlassen sey. Gegen Abend bemerkte man, da├č in der n├Ąchsten Vorstadt mehrere Raketen stiegen; wir vermutheten, da├č dort ein Feuerwerk abgebrannt w├╝rde; aber wahrscheinlich war dies ein verabredetes Signal zum Anstecken der Stadt. ÔÇô Es fing schon an dunkel zu werden, als wir aus unserem Bivouak wiederum aufbrachen und noch mehr links, ├╝ber den gro├čen Exerzierplatz marschirten, um die Stra├če von Moskau nach Petersburg zu besetzen. Bei stockfinsterer Nacht erreichten wir diesen Punkt, und nachdem einige Bivouakfeuer brannten, sahen wir eine sehr wei├če Mauer neben uns. Es war das Kaiserliche Schlo├č Petrowski, eine halbe Stunde von Moskau entfernt. Kurz vor unserem Eintreffen waren noch einige Kosaken hier gewesen. ÔÇô Einen imposanten Anblick gew├Ąhrte von hier aus der franz├Âsische Bivouak: auf dem gro├čen ausgedehnten Raume des russischen Exerzierplatzes und dem amphitheatralisch steigenden Gru├čberge brannten viele tausend Bivouakfeuer; Alles war froh gestimmt und jubelte.

Am 15. September blieben wir bei Petrowski stehen; gegen Mittag sahe man bereits mehrere Rauchs├Ąulen in der Stadt aufsteigen, das Feuer griff immer mehr um sich und wir wurden nun wohl inne, da├č unsere sch├Ânsten Hoffnungen auf Ruhe und Erholung dahinschwinden m├╝├čten.

Den 16. September marschirten wir ab und durch das brennende Moskau; viele todte Russen fanden wir in den Stra├čen, gr├Â├čtentheils alte Leute, die, beim Feueranlegen betroffen, sogleich erschossen worden waren. Indem wir nun in einem langen Zuge diese gro├če, weitl├Ąufige Stadt passirten, kamen wir ├Âfter an Stellen, wo im Trabe vorbeigeeilt werden mu├čte, um nicht von den herunterfallenden Tr├╝mmern der H├Ąuser oder der gro├čen Hitze der brennenden Geb├Ąude besch├Ądigt zu werden; dennoch war aber der Drang, Lebensmittel zu bekommen, so gro├č, da├č einzelne Leute jeder Gefahr trotzten und in die brennenden H├Ąuser hineinst├╝rzten. Auch ich wurde durch diese Beispiel zu einem ├Ąhnlichen Versuch verleitet, denn als wir bei einem gro├čen Palast vorbeikamen, sahe ich mehrere Franzosen aus dem Hofe desselben mit Weinbouteillen herauskommen; sogleich rit ich mit meinem Diener auch dort hinein, wobei mich der Lieut. v. Manteuffel begleitete. Oben brannte dies Haus bereits und die Flammen griffen mit jedem Augenblick weiter um sich; wir sa├čen ab und eilten in den Keller; dieser war voller Franzosen von allen Truppenarten; nur mit M├╝he gelangten wir hinein, doch der obere Keller war bereits vom Wein aufger├Ąumt und aus einem zweiten, unter dem ersten, langten mehrere Chasseurs sich Weinbouteillen einer dem andern zu; dort hinunter zu kommen war unm├Âglich, ├╝berdem st├╝rzten alle Augenblicke neue Haufen Soldaten vom Hofe aus herein, die uns zuriefen herauszukommen, da das ganze Haus und die Hofgeb├Ąude brannten und wir im Keller versch├╝ttet werden w├╝rden, doch hieran kehrte sich Niemand; gl├╝cklicherweise suchte ich mich in die Reihe der Chasseurs zu dr├Ąngen und erhielt, ohne ihren eigentlichen Willen, einige Bouteillen zugereicht, die sie ihren Kameraden zu geben glaubten. Der Tumult wurde immer gr├Â├čer und wir bef├╝rchteten, da├č der Boden des oberen Kellers, worin wir waren, durch die stets sich vermehrende Menschenmenge einst├╝rzen und dann Niemand herauskommen k├Ânnte, daher waren wir mit unserer wenigen Beute zufrieden und dr├Ąngten uns mit vieler M├╝he endlich aus dem Keller hinaus. Auf dem innern Hofraum hielt mein Diener die Pferde, rasch sa├čen wir auf; aber nun war es schwierig die Stra├če zu erreichen, denn der Thorweg stand in vollen Flammen. Nur Schnelligkeit konnte helfen, daher nahmen wir unsere Pferde zusammen, setzten sie in Galopp und sprengten gl├╝cklich durch die Glut. ÔÇô Beim Kreml kamen wir vorbei, doch war der Eingang mit Schildwachen besetzt, und wir sahen denselben nur in einiger Entfernung. Mehrere Stunden hatte unser Marsch durch Moskau gedauert, gegen Abend bezogen wir den Bivouak auf der Stra├če nach Kasan, ungef├Ąhr zwei Meilen von Moskau, nachdem wir gegen Kosaken einige Zeit flankirt hatten.

Gleich beim Einr├╝cken in diesen Bivouak fand eine Begebenheit eigenth├╝mlicher Art statt: Zuf├Ąllig stand auf der unserer Division angewiesenen Lagerstelle ein Heuschuppen, wie man dergleichen dort mehrere auf freiem Felde findet; aus diesem zu fouragiren war wohl der erste Gedanke eines Jeden von uns, daher wurde auch sogleich, bevor wir noch abgesessen waren, der Lieut. v. Tornow mit mehreren Husaren unseres Regiments dorthin zum Fouragiren kommandirt. Doch der Adjutant des franz├Âsischen Generals Jaquineau, ein Hauptmann Lacroix, war bereits fr├╝her bei diesem Heuschuppen mit einer Ordonanz eingetroffen und als der Lieutenant v. Tornow sein Kommando aufmarschiren lie├č, um Heu herausholen zu lassen, tritt ihm der Hauptmann Lacroix zu Fu├č mit der Aeu├čerung entgegen, da├č dies Geb├Ąude zum Quartiere des Generals Jaquineau bestimmt sey. Tornow erwiedert ihm hierauf, da├č er auch nichts dagegen habe und nur einiges Heu f├╝rÔÇÖs Regiment daraus nehmen wolle, doch Lacroix meint, dies gebrauche der General selbst, und er w├╝rde Niemand hineinlassen. W├Ąhrend dieses Gespr├Ąchs, wo der Lieutenant v. Tornow noch zu Pferde war, ber├╝hrt dies Pferd zuf├Ąllig mit dem Kopf die Schulter des Hauptmanns Lacroix, Letzterer glaubte aber wahrscheinlich, da├č dies durch den Willen des Tornow veranlasst sey und sagte zu Tornow: ÔÇ×Bougre!ÔÇť Hier├╝ber wurde Tornow heftig aufgeregt und ritt den Lacroix wirklich an. Der Hauptmann Lacroix zieht seinen S├Ąbel und haut auf Tornow ein; dieser, zwar ├╝berrascht, aber auch sogleich seine Klinge ziehend, erwiedert die Hiebe, doch bald kehrt der Franzose um und l├Ąuft eiligst davon; unser Tornow springt vom Pferde, eilt demselben nach, bald hat er ihn eingeholt, und w├Ąhrend nun der Hauptmann in schnellster Flucht um eine nebenstehende Scheune l├Ąuft, bekommt er von dem Lieutenant v. Tornow eine Menge flacher Hiebe ├╝ber Kopf und R├╝cken, bis sein Hut verloren geht und er ganz au├čer Athem in der N├Ąhe einiger unserer Offiziere stehen bleibt. Tornow war eben im Begriff, ihm den Kopf zu spalten, gl├╝cklicherweise wurde dieser Hieb aber von einem unserer Kameraden abparirt und dieser Streit beendigt. Da dieser Kampf in der N├Ąhe mehrerer Franzosen stattfand, erhob sich ein gro├čer L├Ąrm, und namentlich war der andere Adjutant des Generals Jaquineau sehr heftig erz├╝rnt gegen den Lieut. von Tornow, und versicherte laut, derselbe m├╝sse todtgeschossen werden. ÔÇô Um nun vorl├Ąufig alle Gelegenheit zur Fortsetzung dieses Streites zu vermeiden, wurde der Lieutenant v. Tornow sogleich zum Regiment gesendet. ÔÇô Dieser Vorfall machte nat├╝rlich viel Aufsehn, und es wurde am folgenden Tage im Bivouak hier├╝ber ein Protokoll aufgenommen; obgleich sich der Hauptmann Lacroix besonders darauf berief, bereits vorher, bevor der von Tornow vor dem Heuschuppen mit seinem Kommando angekommen sey, eine Schildwache dorthin gestellt zu haben, um das Quartier des Generals zu markiren, so konnte doch durch Augenzeugen bewiesen werden, da├č diese Aussage unwahr sey und erst beim Beginn des Wortwechsels die Ordonnanz des Adjutanten von ihm den Befehl erhielt, den S├Ąbel zu ziehen und sich dort aufzustellen. ÔÇô Mehrere Tage vergingen, und endlich wurde befohlen, da├č der Lieutenant von Tornow drei Tage Arrest bekommen sollte. Diesen Arrest mu├čte der von Tornow im Hauptquartier des Generals Saint Germain zubringen, wo es ihm besser ging als uns auf Vorposten. ÔÇô Wie man uns versicherte, sollte an dieser gelinden Bestrafung besonders der General Pier├Ę Ursache seyn, der beim Kriegsgericht die andern Offiziere aufmerksam gemacht habe, da├č der Hauptmann Lacroix doch auch viel Schuld habe, und wenn die Sache vor den K├Ânig von Neapel k├Ąme, der den Preu├čen sehr gewogen sey, auch der Lacroix hart bestraft werden w├╝rde.

Wenn gleich am 17. September sehr sch├Ânes Wetter war, so stand zuf├Ąllig der Wind von Moskau auf uns, und hoch ├╝ber uns zog eine dicke schwarze Wolke, aus dem Rauch des f├╝rchterlichen Brandes gebildet, welche die Sonne verdunkelte und sie uns nur als eine feurige Kugel sehen lie├č. Dieser Anblick war schrecklich und die Hoffnung auf Ruhe und Erholung bei herannahendem Winter nun f├╝r uns verloren. Doch glaubte man noch immer, wenigstens einen Frieden abzuschlie├čen, wo uns dann gute Winterquartiere erwarteten. ÔÇô Einige Bouteillen Wein und nur wenige Lebensmittel war das Einzige, was uns aus Moskau in diesen Bivouak nachgesendet wurde. Man mu├čte in dieser Nacht einen Angriff erwarten, denn au├čer den Vorposten war unsere ganze Division w├Ąhrend derselben zwar nicht aufgesessen, aber doch die Pferde am Z├╝gel als Piket aufgestellt; doch erfolgte kein Angriff.

Als wir am 18. September auf der Stra├če nach Kasan weiter vordrangen und die Moskwa wiederum passirten, wo mehrere Kosakenpulks gegen uns fochten, wurde gegen Mittag Halt gemacht, die Flankeurs zur├╝ckgenommen und auch die Kosaken h├Ârten auf zu feuern; es hie├č, wir h├Ątten einen Waffenstillstand abgeschlossen. Zwischen der Vorposten-Chaine lag ein Dorf, welches sich noch die Kosaken zueignen wollten, doch einige franz├Âsische Generale sprengten vor, ritten durch die Linie der Kosaken und lie├čen nicht eher nach, als bis uns dieses Dorf zum Fouragiren ├╝berlassen wurde. Nun bezogen wir den Bivouak, aus demselben sendeten mehrere Offiziere ihre Burschen nach Moskau, um dort Lebensmittel und Bekleidungsgegenst├Ąnde zu holen. Am folgenden Tage kehrten dieselben auch wieder zur├╝ck und brachten uns Wein, Gr├╝tze, Brot und auch einige Fu├čbekleidungen mit, deren wir sehr n├Âthig bedurften, da wir weder Zeit noch Gelegenheit hatten, diese auf dem fortw├Ąhrenden Marsch ausbessern zu lassen. Am 19. und 20 September verblieben wir hier und die Waffenruhe dauerte fort. Den 21. September brachen wir wieder auf und gingen ganz rechts auf kleinen Feldwegen nach der Stra├če, die von Moskau nach Kaluga f├╝hrt. Es hatte an den vorigen Tagen geregnet und der fette Lehmboden war daher f├╝r die Artillerie sehr schwierig zu passiren. Dieser unerwartete Seitenmarsch mu├čte von den dortigen Einwohnern nicht vermuthet worden seyn, denn wir fanden mehrere in ihren Wohnungen einheimisch, namentlich kamen wir bei einem sehr gut gebauten herrschaftlichen Landhause vorbei, wo der Eigenth├╝mer anwesend und sich Alles in der besten Ordnung befand; hier hatte der K├Ânig von Neapel sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auf uns machte der Anblick eines wohnlich eingerichteten Hauses, mit allen Bequemlichkeiten versehen, einen sehr angenehmen Eindruck, und der Wunsch, auch wieder in Behaglichkeit leben zu k├Ânnen, wurde sehr lebhaft. Mehrere Tage blieben wir nun im Marsch, auch an einigen wurde geruht; erst am 27. September hatten wir wieder eine kleines Gefecht, und so gelangten wir ohne bedeutenden Verlust am 4. Oktober bei Tarutino, dem Landsitz des Gouverneurs von Moskau, General Rostopschin, an. Das Schlo├č war bereits abgebrannt und nur zwei hohe S├Ąulenportale, auf denen in Stein gehauene Pferde, sich b├Ąumend (gleich denen auf dem Museum zu Berlin), stehen geblieben. Es wurde uns erz├Ąhlt, man h├Ątte bei der Ankunft an diesen S├Ąulen eine schriftliche Bekanntmachung in russischer und franz├Âsischer Sprache angeschlagen gefunden, die so gelautet h├Ątte: ÔÇ×Ich habe dieses mein Schlo├č mit eigenen H├Ąnden angez├╝ndet, damit die Hunde von Franzosen hier kein Quartier finden sollen. Rostopschin.ÔÇť

Diese Bekanntmachung war von den Franzosen sogleich abgerissen und vernichtet worden.

Wir passirten hier das kleine Fl├╝├čchen Nara; eine starke halbe Meile auf dem Wege nach Kaluga fanden wir die dortigen Anh├Âhen mit feindlicher Kavallerie besetzt, es entspann sich ein Gefecht, das mit jedem Augenblick heftiger wurde. Unser Regiment wurde w├Ąhrend desselben auf einem Feldwege rechts zu einer Rekogniszirung versendet; nachdem wir einen kleinen Wald passirt hatten und unser General zu weit auf der Plaine vorgegangen war, wurden wir ganz unerwartet von der feindlichen Kavallerie, die uns bereits umgangen, angegriffen und zur├╝ckgeworfen; gl├╝cklicherweise eilte ein polnisches Chasseur-Regiment zu Pferde aus dem Walde zu unserer Unterst├╝tzung entgegen. Einige unserer Diener und Marketenderinnen wurden hierbei gefangen, doch ranzionirten sie sich bald wieder.

Nun kehrten wir zu unserem Korps zur├╝ck und bestanden ein hartn├Ąckiges Kavallerie-Gefecht; mehreremale gingen wir vor, doch vom Feinde wieder zur├╝ckgedr├Ąngt, behaupteten wir wenigstens unsere zuerst innegehabte Stellung; dicht neben uns wurde ein franz├Âsisches Chasseur-Regiment zu Pferde von einem starken Schwarm Kosaken attakirt, mit vieler Geistesgegenwart lie├č selbiges die Kosaken auf einige hundert Schritt auf sich herankommen, dann gab es eine Karabiner-Salve, die Kosaken stutzten, und w├Ąren die Chasseurs nur wenige Schritte vorger├╝ckt, so h├Ątten sie die Kosaken unfehlbar zusammengehauen, allein gleich nach dem Karabinerfeuer kehrten die Chasseurs um und ritten en d├ębandande davon; die Kosaken verfolgten sie nun, und der linke Fl├╝gel unseres Regiments, so wie der der beiden polnischen Ulanen-Regimenter, wurde hierdurch bedroht; letztere, obgleich jetzt sehr schwach an Leuten, schwenkten links, f├Ąllten die Lanzen und blieben ruhig halten; die Kosaken waren dicht vor ihnen, wagten jedoch nicht einzudringen; nun attakirte sie unser Regiment, warf sie zur├╝ck und nahm einige gefangen. Ganz unerwartet marschirten zwei franz├Âsische K├╝rassier-Regimenter neben uns auf, die noch gegen die andern sehr stark, das hei├čt ungef├Ąhr ein jedes an 200 Pferde, waren; wir hatten sie bisher noch nie gesehen, auch ihre Uniform war gl├Ąnzender, als die der ├╝brigen K├╝rassiere, die K├╝rasse waren vergoldet und auf den Helmen hatten sie rothe aufstehende Ro├čschweife; es waren die beiden Karabinier-Regimenter.

Das Gefecht zog sich bis Abend hin und auf derselben Stelle, wo dies vorgefallen war, bezogen wir den Bivouak.

Der Major v. Zieten, welcher bisher das Regiment kommandirt hatte, war an diesem Tage von einer kleinen Gewehrkugel am Knie blessirt und mu├čte daher die F├╝hrung des Regiments dem Premier-Lieutenant v. Eisenhard, als dem ├Ąltesten aktiven Offizier, ├╝bergeben. An Todten hatten wir 10 Pferde, blessirt waren 5 Mann, 2 Pferde.

Nur aus Gewohnheit behielten wir die Benennung: Regiment; denn ein Trupp von 10 bis 11 Lieutenants und 40 Pferden konnte billigerweise nur eine Detachement genannt werden, und st├Ąrker waren wir hier nicht mehr. ÔÇô Die Bagage des Regiments stand eine Viertelmeile hinter uns in einer kleinen Schlucht, wobei die leicht blessirten und kranken Offiziere und Mannschaften sich befanden; viele litten an der Ruhr, da wir schon mehrere recht kalte N├Ąchte gehabt hatten. Diejenigen, welche schwerer blessirt oder erkrankt waren, wurden nach Moskau geschickt, doch war die Verbindung mit diesem Ort nicht immer ganz sicher, denn mehrere Leute, unter Andern auch unser Stabstrompeter Auras, mu├čten unterweges gefangen genommen worden seyn, da derselbe weder in Moskau bei dem Lieutenant von Probst ankam, noch je wieder gesehen wurde.